ES IST NIE ZU SPÄT, UM DEN KURS ZU KORRIGIEREN

Seit ich nach der Elternzeit wieder arbeite, fällt es mir schwer, meine Kräfte einzuteilen und ein neues Gleichgewicht zwischen den vielen Aufgaben zu finden. Mir ist auch aufgefallen, dass ich meine Prioritäten falsch gesetzt habe: Ich habe Aktivitäten vernachlässigt, die mich immer unterstützt haben – wie Sport und Meditation. Dadurch bin ich aus dem Gleichgewicht geraten. An manchen Tagen habe ich mich sogar so verhalten, dass ich mich selbst in meinen Handlungen oder Worten nicht wiedererkannt habe.

Ich habe schon immer eine gute Fähigkeit zur Selbstreflexion gehabt und habe schnell gemerkt, dass ich auf dem falschen Weg war. Ich hatte zwei Möglichkeiten: weitermachen wie bisher oder den Kurs korrigieren. Ich habe mich für die zweite Option entschieden.

Wenn wir merken, dass wir Verhaltensweisen entwickelt haben, die uns nicht glücklich machen, ist es nie zu spät, etwas daran zu ändern. Wichtig ist, es nicht zu vertagen, sondern sofort zu beginnen, so zu handeln, wie wir uns fühlen möchten – also so, wie es zu uns besser passt. Wir sollten nicht sagen: ‚Ab morgen ändere ich alles!‘, sondern heute damit anfangen – mit kleinen Schritten, die in die richtige Richtung gehen. Das wird uns besser fühlen lassen und es trainiert unser Gehirn darauf, das zu machen, was für uns richtig ist.

Es ist nie zu spät, den Kurs zu korrigieren, denn was uns heute ausmacht und in dem wir uns nicht wiedererkennen, können wir durch eine bessere Version von uns ersetzen. Wir müssen nur bereit sein, die nötige Arbeit zu machen – und keine Angst davor haben.

Pflege deine Gedanken wie ein Garten

Das Schöne bemerken

Hey du, ich weiß, dass du manchmal mit gesenktem Blick aufs Smartphone durch die Straße läufst und Kopfhörer trägst, um der Stille deines Lebens nicht zu begegnen. Doch so riskierst du, das Wichtigste zu verpassen. Halte einen Moment inne: Hast du dich heute schon umgesehen? Sind dir die Blumen aufgefallen, die im Garten des Nachbarhauses blühen? Hast du angehalten, um sie zu riechen? Nein?! Und warum nicht?!

Die Schönheit umgibt dich – es liegt an dir, sie bewusst wahrzunehmen.

Das Schöne ist überall, es ist deine Aufgabe es wahrzunehmen

Familienzimmer

Ich schreibe nicht oft über meine Rolle als Mutter, aber es gibt eine Sache, die ich hier teilen möchte, weil sie den Beginn unseres Lebens als Eltern erleichtert hat.

In Deutschland besteht – sofern verfügbar – die Möglichkeit, im Krankenhaus ein Familienzimmer für die Zeit nach der Geburt zu beantragen. Für uns war das möglich und wir waren sehr dankbar dafür. Ich musste mich nicht alleine um die Neugeborene kümmern und ihr Papa konnte von Anfang an eine starke Bindung zu ihr aufbauen. Meiner Meinung nach haben wir so leichter unsere Dynamik als Familie gefunden.

Es gab auch lustige Momente: Als frischgebackene Mama wurde ich von der Krankenhausküche wie eine Königin behandelt, um meinen Körper beim Stillen zu unterstützen – während Dominik nur das vegetarische Menü bekam und neidisch auf meinen Muffin auf dem Tablett blickte.

Für mich war dieses Familienzimmer ein echter Game-Changer. Wir konnten uns organisieren und ausruhen, wie wir wollten, ohne die Bedürfnisse anderer beachten zu müssen.

Natürlich ist das nicht immer möglich und es kostet einen Aufpreis – aber meiner Meinung nach lohnt es sich.

Ich schreibe darüber, weil ich es wichtig finde, zu zeigen, was hier gut funktioniert, um Verbesserungen anderswo anzuregen.

Bild: Mistral AI

Neugierde

Wenn es eine Sache gibt, die mich auszeichnet, dann ist es meine Neugierde.

Schon als Kind war ich immer sehr interessiert. Ich bemerke jede Veränderung. Ich glaube, es ist dieser Neugier zu verdanken, dass ich so bin, wie ich bin. Interesse an dem zu zeigen, was mich umgibt, und an dem, was das Leben der Menschen prägt, die meinen Weg kreuzen, ist eine Eigenschaft, auf die ich sehr stolz bin.

Doch diese Charaktereigenschaft wurde diese Woche Opfer eines epischen Aprilscherzes meiner Kollegen an meinem ersten Arbeitstag nach meiner Elternzeit. Sie ließen mich glauben, dass zwei Kollegen nicht nur in meiner Abwesenheit eine Beziehung begonnen hätten, sondern sogar vor ein paar Tagen geheiratet hätten. Er hatte ihren Nachnamen angenommen, sein Namensschild und sein Badge zeigten diese Namensänderung. Auf seinem Schreibtisch lag ein Foto ihrer Hochzeit – natürlich mit KI erstellt. Alles wirkte so echt, und ich habe an der Geschichte geglaubt, ahnungslos und naiv, dass mein erster Arbeitstag der 1. April war.

Es war aber alles sehr lustig, und ich habe gerne die Rolle des Clowns gespielt. Dieser Streich wird in die Geschichtsbücher eingehen.

Meine Kollegen sind auch nette Menschen 😂

Die acht Tage, die mein Leben veränderten

„Welche Antwort möchten Sie bekommen?“
„Eine positive!“, antwortete ich spontan.
„Das kriegen Sie“, sagte der Mann, der später mein Chef bei 1&1 werden sollte.
Mein Herz klopfte: Ich konnte es kaum glauben.

Dieses Gespräch gab meinem Leben eine Wendung. Innerhalb von acht Tagen suchte ich ein Zimmer zum Wohnen, organisierte meinen Umzug und alle notwendigen Unterlagen, um in Deutschland zu arbeiten. In denselben acht Tagen lernte meine Mutter, einen Computer einzuschalten und sich bei Skype anzumelden, um mit mir in Kontakt bleiben zu können.

Diese Woche erzählte ich diese Geschichte einer Dame, die Italienisch lernt und sich auch im Eine-Welt-Laden in Weil der Stadt engagiert.

Beim Sprechen wurde mir bewusst, wie mutig dieser Sprung ins Ungewisse war. Damals hatte ich jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich war damit beschäftigt, dem Fluss meines Lebens zu folgen, ohne mir zu viele Fragen zu stellen.
Mein Motto war: „Ich will nicht mit 40 dastehen und mich fragen, wie es gewesen wäre, wenn ich es versucht hätte.“ Und in diesem Jahr werde ich 40! Heute bin ich sehr stolz auf den Schritt, den ich gewagt habe. Seit 2012 habe ich viel erlebt und mein Weg war nicht immer einfach. Doch diese Entscheidung hat mich zu der Person gemacht, die ich immer sein wollte.
Die Dame, der ich meine Geschichte erzählte, sagte, sie sei beeindruckt von meiner Willenskraft. Das hat mich sehr gefreut.

Es erfordert Mut, die vertraute Umgebung und Familie und Freunde zu verlassen – und noch mehr Mut ist notwendig, um an der Entscheidung festzuhalten, wenn das Leben schwierig wird. Doch das ist der einzige Weg, um sich zu entfalten.

Ich in einer Brauerei in Karlsruhe während der Europameisterschaft in 2012

Schau dich um und biete deine Hilfe an

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte mich gestern ein Junge, als er sah, wie ich mich bemühte, den Kinderwagen meiner Tochter durch die Eingangstür einer öffentlichen Toilette zu schieben. Kaum hatte er die Frage gestellt, schaffte ich es jedoch, die Schwelle zu überwinden und den Eingang zu erreichen.

Dieser Junge hat – vielleicht ohne es zu merken – etwas sehr Schönes getan: Er hat seine Umgebung beobachtet und versucht, sie für die Menschen um ihn herum einfacher zu gestalten. Das ist eine Eigenschaft, die jeder von uns öfter praktizieren sollte.

Wie oft laufen wir mit dem Blick auf das Handy oder grenzen uns mit Kopfhörern aus? Dabei verpassen wir alles, was live um uns herum passiert.

Ich lade dich ein, in der kommenden Woche achtsam zu gehen, dich umzuschauen und es diesem Jungen gleichzutun – indem du dich in deiner Gemeinde engagierst. Ich bin überzeugt, dass du dadurch bereichert wirst. Es lohnt sich, es zu versuchen, oder?

Die öffentliche Toilette am Carlo-Schmid-Platz

Wie du mit dir selbst sprichst, zählt

Dein innerer Dialog hat große Macht, denn er kann deine Stimmung beeinflussen.

Ich habe viele Jahre damit verbracht, scharfe Kritik mit mir selbst zu üben. Schon als kleines Kind habe ich immer viel von mir verlangt, und wenn ich mich nicht so verhalten habe, wie ich es mir gewünscht hätte, war ich sehr streng in meinem Urteil.

Mit der Zeit und dank der Hilfe eines weisen griechischen Herrn – der in Wahrheit ein kognitiver Verhaltenstherapeut war – habe ich gelernt, sanfter zu mir selbst zu sein.

Wenn man sich mit dem Thema Achtsamkeit beschäftigt, stößt man oft auf die Frage: „Würdest du das auch zu einem Freund sagen, der sich in der gleichen Situation befindet?“ Die meisten Male antwortete ich mit Nein. Ich habe mich gefragt, woher diese Unnachgiebigkeit mir selbst gegenüber kommt. Die Schlussfolgerung meiner Analyse ist einfach: Unsere Gesellschaft basiert auf Leistung. Wenn du nichts leistest, bist du nichts – und das ergibt überhaupt keinen Sinn, wie ich mit der Zeit gelernt habe.

Ein guter Selbstdialog muss man Tag für Tag üben. Jeder von uns sollte sich bewusst machen, dass wir immer unser Bestes geben – mit den Mitteln und der Energie, die uns zur Verfügung stehen. Manchmal müssen wir uns erlauben, weniger zu tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Ich habe kürzlich gelesen, dass wir am Ende unseres Lebens nur zwei Menschen glücklich machen müssen: das Kind, das wir mit acht Jahren waren, und den alten Menschen, der wir mit achtzig sein werden. Dem Kind müssen wir zeigen, dass wir alles Mögliche getan haben, um seine Träume zu verwirklichen. Dem alten Menschen sollten wir schöne Erinnerungen schenken. Das ist alles.

Sei wie ein Fluss: Fließe, egal wie dein Weg aussieht.

Manuela

Manuela ist 2024 Mitte Juli in mein Leben getreten. Wir hatten einen Telefontermin um 8:30 Uhr an einem Werktag. Als ich sie anrief, brach sie das Eis mit den Worten: „Frau Fradegradi, Sie sind pünktlich wie ein Maurer!“ Ich musste lachen und schloss sie sofort in mein Herz. Einige Wochen später trafen wir uns persönlich, und sie schlug vor, uns zu duzen.

Manuela ist eine freiberufliche Hebamme. Während meiner Schwangerschaft besuchte ich ihren Schwangerschaftsyoga-Kurs, und als unsere Tochter geboren wurde, unterstützte sie uns zu Hause ab dem Tag nach unserer Entlassung aus dem Krankenhaus. In der ersten Woche kam sie täglich, sogar an einem Sonntag, dann alle zweite Tage. Mit der Zeit wurden die Besuche weniger häufig.

Manuela ist für mich wie ein Engel gewesen. Ich wohne weit weg von meiner Familie und konnte nicht auf ihre Unterstützung  in schwierigen Phasen zählen. Manuelas ruhige und sanfte Art im Umgang mit uns und dem Baby war Balsam für die Seele. Ihr professioneller Rat war eine große Erleichterung.

Eines Tages vertraute mir Manuela an, warum sie diesen Beruf ausübt: „Es begeistert mich, Eltern in ihrer Rolle wachsen und immer sicherer werden zu sehen.“

Ich habe beschlossen, nicht viel über meine Schwangerschaft oder das Muttersein zu schreiben, aber dieser Beitrag ist für mich wichtig. Man kann viel über das deutsche Gesundheitssystem sagen, aber dass jede schwangere Frau die Unterstützung einer professionellen Hebamme gewährt bekommt, ist wirklich außergewöhnlich. Wenn man zum ersten Mal Eltern wird, hat man Zweifel und Fragen, die nur Fachpersonal richtig beantworten kann. Ich glaube, das sollte ein Recht für alle neuen Familien sein.

Current Status

„Trotzdem gibt es noch immer Momente, in denen ich mir schwertue, meine Gefühle zu ordnen und richtig einzuschätzen. Manchmal habe ich Angst, dass dieses neue Leben bloß ein Traum ist, dass ich eines Tages aufwache und alles wieder so ist wie zuvor. Aber ich kenne mich nun selbst viel besser und weiß, worauf es ankommt. Ich weiß, dass Glück Arbeit erfordert, Arbeit an mir selbst. Und solange ich dazu bereit bin, glaube ich daran, dass alles gut wird.

RAPHAEL BONELLI, Bauch Gefühle

An sich selbst zu arbeiten, ist die Kunst des Lebens

Das Leben ist ein Wunder

Heute war ich in einem Park in der Nähe von einem Seniorenheim spazieren. Mir kam eine ältere Frau entgegen und ich musste direkt über Folgendes nachdenken.

Die Frau war auf einem elektrischen Rollstuhl und bekam Sauerstoff mit Schläuchen in die Nase. Sie strahlte mich an und sagte mir ein sehr freundliches „Hallo“.

Die Sonne schien und die Temperatur war sehr angenehm. Wir hatten beide keine Jacke an, sie trug sogar ein Hütchen, das machte sie noch sympathischer. Vielleicht war sie wegen des schönen Wetters so gut drauf oder sie ist immer gut drauf als Charakter.

Ich dachte, wie oft in der letzten Zeit, darüber nach, wie das Leben eigentlich ein Wunder ist. Die Frau könnte sich in ihrer Situation miserabel fühlen, stattdessen strahlt sie Fremde an.

Ich bin an einem Punkt im Leben gekommen, in dem ich sowas merke und bewundere.

Ich bewundere die Kraft der Menschen, die jeden Tag das Bett verlassen, um die Welt zu einem schöneren Ort zu machen. Jemandem ein gutes Wort oder ein Lächeln schenken: Es kann so einfach sein.

Egal was wir durchmachen, das Leben ist ein Wunder und wir alle sind wundervoll. Das dürfen wir nicht vergessen.

Blühe wie die Blumen im Frühjahr.