Schau dich um und biete deine Hilfe an

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte mich gestern ein Junge, als er sah, wie ich mich bemühte, den Kinderwagen meiner Tochter durch die Eingangstür einer öffentlichen Toilette zu schieben. Kaum hatte er die Frage gestellt, schaffte ich es jedoch, die Schwelle zu überwinden und den Eingang zu erreichen.

Dieser Junge hat – vielleicht ohne es zu merken – etwas sehr Schönes getan: Er hat seine Umgebung beobachtet und versucht, sie für die Menschen um ihn herum einfacher zu gestalten. Das ist eine Eigenschaft, die jeder von uns öfter praktizieren sollte.

Wie oft laufen wir mit dem Blick auf das Handy oder grenzen uns mit Kopfhörern aus? Dabei verpassen wir alles, was live um uns herum passiert.

Ich lade dich ein, in der kommenden Woche achtsam zu gehen, dich umzuschauen und es diesem Jungen gleichzutun – indem du dich in deiner Gemeinde engagierst. Ich bin überzeugt, dass du dadurch bereichert wirst. Es lohnt sich, es zu versuchen, oder?

Die öffentliche Toilette am Carlo-Schmid-Platz

Über Landtagswahlen und Briefwahl

In Baden-Württemberg stehen die Landtagswahlen an: Morgen wird ein neues Landesparlament und ein neuer Ministerpräsident gewählt. Ich selbst darf nicht wählen, da ich keine deutsche Staatsbürgerin bin. Mein Favorit ist jedoch ein Politiker, Sohn türkischer Migranten, der unter der Regierung von Olaf Scholz auch Bundesminister für Landwirtschaft war und einen schwäbischen Dialekt spricht, den ich wahrscheinlich nie in meinem Leben beherrschen werde. Sein Name ist Cem Özdemir, und er gehört der Partei Bündnis 90/Die Grünen an.

Bei den Bundestagswahlen 2018 hörte ich ihn live in der Stadtbibliothek Stuttgart-West. Was mich besonders beeindruckte, war seine herausragende Rhetorik. Als jemand, der Dolmetschen und Kommunikation studiert hat, achte ich immer auf die kommunikativen Fähigkeiten von Rednern. Cem Özdemir kann überzeugend sprechen, und ich glaube, er hat in seiner politischen Karriere einen Punkt erreicht, an dem er bereit ist, ein Land wie Baden-Württemberg zu führen – eine Region, die dringend wirtschaftlichen Wandel braucht. Doch heute möchte ich nicht über Cem Özdemir schreiben.

Was mich fasziniert, ist die Art und Weise, wie die Deutschen an der Demokratie teilhaben. Hier ist die Briefwahl einfach zu beantragen und jedem Wahlberechtigten ohne Angabe von Gründen garantiert. In Italien ist das nicht möglich. Nur im Ausland lebende Italiener wie ich haben automatisch das Recht zur Briefwahl.

Man kann sich also nicht wundern, dass die Wahlbeteiligung in Italien so niedrig ist. In Deutschland ist die Briefwahl eine erfolgreiche Strategie, um die Wahlbeteiligung relativ hoch zu halten.

Wenn es eine Sache gibt, die Italien meiner Meinung nach von Deutschland übernehmen könnte, dann ist es die Möglichkeit der Briefwahl für alle Wahlberechtigten. Davon würde vor allem die italienische Demokratie profitieren – und wer weiß, vielleicht sähe das Wahlergebnis dann anders aus.

Wie du mit dir selbst sprichst, zählt

Dein innerer Dialog hat große Macht, denn er kann deine Stimmung beeinflussen.

Ich habe viele Jahre damit verbracht, scharfe Kritik mit mir selbst zu üben. Schon als kleines Kind habe ich immer viel von mir verlangt, und wenn ich mich nicht so verhalten habe, wie ich es mir gewünscht hätte, war ich sehr streng in meinem Urteil.

Mit der Zeit und dank der Hilfe eines weisen griechischen Herrn – der in Wahrheit ein kognitiver Verhaltenstherapeut war – habe ich gelernt, sanfter zu mir selbst zu sein.

Wenn man sich mit dem Thema Achtsamkeit beschäftigt, stößt man oft auf die Frage: „Würdest du das auch zu einem Freund sagen, der sich in der gleichen Situation befindet?“ Die meisten Male antwortete ich mit Nein. Ich habe mich gefragt, woher diese Unnachgiebigkeit mir selbst gegenüber kommt. Die Schlussfolgerung meiner Analyse ist einfach: Unsere Gesellschaft basiert auf Leistung. Wenn du nichts leistest, bist du nichts – und das ergibt überhaupt keinen Sinn, wie ich mit der Zeit gelernt habe.

Ein guter Selbstdialog muss man Tag für Tag üben. Jeder von uns sollte sich bewusst machen, dass wir immer unser Bestes geben – mit den Mitteln und der Energie, die uns zur Verfügung stehen. Manchmal müssen wir uns erlauben, weniger zu tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Ich habe kürzlich gelesen, dass wir am Ende unseres Lebens nur zwei Menschen glücklich machen müssen: das Kind, das wir mit acht Jahren waren, und den alten Menschen, der wir mit achtzig sein werden. Dem Kind müssen wir zeigen, dass wir alles Mögliche getan haben, um seine Träume zu verwirklichen. Dem alten Menschen sollten wir schöne Erinnerungen schenken. Das ist alles.

Sei wie ein Fluss: Fließe, egal wie dein Weg aussieht.

Die Bedeutung, eine Aufgabe zu haben

Als ich 2015 arbeitslos war, waren die Montage für mich am schlimmsten. Ich war ohnehin schon etwas verloren, und eine Woche zu beginnen, ohne einen Arbeitsplatz zu haben, an den ich gehen konnte, machte alles noch schlimmer. Doch was mir wirklich fehlte, war nicht das Büro oder die Kollegen, sondern eine Aufgabe. Deshalb begann ich, mir jeden Abend vorzunehmen, was ich am nächsten Tag tun wollte. Einen Aktionsplan zu erstellen, rettete meine Tage.

Es ist wichtig, etwas zu tun zu haben, um das Leben dynamischer zu gestalten und sich als aktiver Teil der Gesellschaft zu fühlen. Wenn man eine Aufgabe hat, hat man automatisch einen Grund, morgens aufzustehen und die Ärmel hochzukrempeln.

Falls du nicht weißt, wo du anfangen sollst und dich überfordert fühlst, notiere dir, was du tun möchtest – beginnend mit den Dingen, die dir positive Gefühle geben. Zum Beispiel schrieb ich im Oktober 2024, bevor ich in den Mutterschutz ging, diese Liste in meine Notizen-App auf dem Smartphone. Ich wollte sicherstellen, dass ich einen sicheren Anker hatte, falls Negativität die Kontrolle über meine Stimmung übernehmen würde.

Eine positive Anmerkung: Es war nicht nötig.

Lass deine Gedanken und deinen Blick kreisen beim Gehen

Vor kurzem gab es eine Phase, in der ich beim Spazierengehen ständig etwas hören musste: ein Hörbuch, einen Podcast oder Musik. Ich brauchte immer Unterhaltung. Doch meine AirPods begannen, den Geist aufzugeben, und entluden sich mitten während meiner Spaziergänge. So war ich gezwungen, mich meinen Gedanken zu stellen und meine Umgebung bewusst wahrzunehmen. Ich fand das sehr spannend – es wurde sogar unterhaltsamer als alles, was ich zuvor gehört hatte.

In der Meditation spricht man vom Mindful Walking, vom achtsamen Gehen. Man konzentriert sich auf den Atem und beobachtet das Umfeld. Ich gehe zwar nicht immer bewusst, aber ich habe gelernt, meinen Gedanken Raum zu geben und sie mit jedem Schritt wieder verschwinden zu lassen. Neugierig beobachte ich auch meine Umgebung und nehme ihre Veränderungen wahr.

Erst vor ein paar Tagen bemerkte ich, dass auf den Feldern, wo ich oft spaziere, ein besonders aktiver Maulwurf unterwegs ist. Und heute Morgen blieb ich im Regen stehen, um zu beobachten, wie sich in den Pfützen Blasen bildeten.

Wenn ich von einem achtsamen Spaziergang zurückkomme, bin ich immer gut gelaunt und innerlich ausgeglichener. Ich habe gelernt, dass einfaches Beobachten eine sehr gute Unterhaltung für mein inneres Wohlbefinden ist.

MACH EIN „ACT OF SERVICE“

Wenn ein Tag einfach nicht so läuft, wie er sollte, hilft es oft, das was auf Englisch mit „Act of Service“ beschrieben wird zu machen.

Ein Mahlzeit für die Familie kochen, eine Waschmaschine anschalten, putzen oder einfach etwas tun, das einer anderen Person guttut – all das sind „Acts of Service“, die uns wieder ins Gleichgewicht mit unserer Welt bringen können.

Sich für die eigene Familie oder Gesellschaft zu engagieren, ist sehr wichtig, um unserem Leben jenen besonderen Sinn zu geben, der uns das Gefühl der Verbundenheit mit anderen schenkt. Es lässt uns nützlich fühlen. Es tut uns gut und es tut auch denen gut, die um uns herum sind.

Wenn du dich etwas niedergeschlagen fühlst, empfehle ich dir, deine Zeit in eine sinnvolle Tätigkeit zu investieren. Das unangenehme Gefühl wird langsam verschwinden, während du dich auf die gewählte Aufgabe konzentrierst. Probier es aus!

Investiere in deine Familie und deine Freunde

Eines der Geheimnisse des Glücks, so der Experte Arthur C. Brooks, besteht darin, eine gute Beziehung zu seiner Familie und seinen Freunden zu pflegen.

Ich glaube, dass diese Aussage sehr wahr ist. Erst wenn wir von guten Menschen umgeben sind, können wir uns frei entfalten.

Für mich haben Familie und Freunde eine große Bedeutung. Da ich weit entfernt von meinen Liebsten lebe, habe ich gelernt, die Technologie zu nutzen, um meiner Familie und meinen Freunden trotzdem nah zu sein. Manchmal denke ich daran, was die Menschen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren ins Ausland ausgewandert sind, alles verpasst haben und bei wie vielen wichtigen Momenten nicht dabei sein konnten. Deshalb bin ich sehr dankbar, in dieser modernen Zeit zu leben, in der wir Smartphone haben. So spielt die Distanz keine Rolle.

Ich schätze Menschen, die sich aktiv darum bemühen, den Kontakt aufrecht zu halten und Interesse zeigen. Doch ich habe gelernt, dass nicht alle so sind. Deshalb habe ich keine Scheu, selbst als Erste zum Telefon zu greifen. Denn ich bin der Meinung, dass nicht das Geben oder Nehmen meine Handlungen bestimmt, sondern ein aufrichtiges Interesse für den anderen.

Familie und Freunde begleiten dich auf deinem Lebensweg, und es ist wichtig, sie niemals als selbstverständlich zu betrachten. Ich lade dich daher ein, deine Beziehungen aktiv zu pflegen. Denn nur so kannst du ein hohes Maß an Zufriedenheit erreichen, das sich wie Glück anfühlt.

Das Leben ist ein Weg, den man lieber teilt.

Manuela

Manuela ist 2024 Mitte Juli in mein Leben getreten. Wir hatten einen Telefontermin um 8:30 Uhr an einem Werktag. Als ich sie anrief, brach sie das Eis mit den Worten: „Frau Fradegradi, Sie sind pünktlich wie ein Maurer!“ Ich musste lachen und schloss sie sofort in mein Herz. Einige Wochen später trafen wir uns persönlich, und sie schlug vor, uns zu duzen.

Manuela ist eine freiberufliche Hebamme. Während meiner Schwangerschaft besuchte ich ihren Schwangerschaftsyoga-Kurs, und als unsere Tochter geboren wurde, unterstützte sie uns zu Hause ab dem Tag nach unserer Entlassung aus dem Krankenhaus. In der ersten Woche kam sie täglich, sogar an einem Sonntag, dann alle zweite Tage. Mit der Zeit wurden die Besuche weniger häufig.

Manuela ist für mich wie ein Engel gewesen. Ich wohne weit weg von meiner Familie und konnte nicht auf ihre Unterstützung  in schwierigen Phasen zählen. Manuelas ruhige und sanfte Art im Umgang mit uns und dem Baby war Balsam für die Seele. Ihr professioneller Rat war eine große Erleichterung.

Eines Tages vertraute mir Manuela an, warum sie diesen Beruf ausübt: „Es begeistert mich, Eltern in ihrer Rolle wachsen und immer sicherer werden zu sehen.“

Ich habe beschlossen, nicht viel über meine Schwangerschaft oder das Muttersein zu schreiben, aber dieser Beitrag ist für mich wichtig. Man kann viel über das deutsche Gesundheitssystem sagen, aber dass jede schwangere Frau die Unterstützung einer professionellen Hebamme gewährt bekommt, ist wirklich außergewöhnlich. Wenn man zum ersten Mal Eltern wird, hat man Zweifel und Fragen, die nur Fachpersonal richtig beantworten kann. Ich glaube, das sollte ein Recht für alle neuen Familien sein.

Current Status

„Trotzdem gibt es noch immer Momente, in denen ich mir schwertue, meine Gefühle zu ordnen und richtig einzuschätzen. Manchmal habe ich Angst, dass dieses neue Leben bloß ein Traum ist, dass ich eines Tages aufwache und alles wieder so ist wie zuvor. Aber ich kenne mich nun selbst viel besser und weiß, worauf es ankommt. Ich weiß, dass Glück Arbeit erfordert, Arbeit an mir selbst. Und solange ich dazu bereit bin, glaube ich daran, dass alles gut wird.

RAPHAEL BONELLI, Bauch Gefühle

An sich selbst zu arbeiten, ist die Kunst des Lebens

Das Leben ist ein Wunder

Heute war ich in einem Park in der Nähe von einem Seniorenheim spazieren. Mir kam eine ältere Frau entgegen und ich musste direkt über Folgendes nachdenken.

Die Frau war auf einem elektrischen Rollstuhl und bekam Sauerstoff mit Schläuchen in die Nase. Sie strahlte mich an und sagte mir ein sehr freundliches „Hallo“.

Die Sonne schien und die Temperatur war sehr angenehm. Wir hatten beide keine Jacke an, sie trug sogar ein Hütchen, das machte sie noch sympathischer. Vielleicht war sie wegen des schönen Wetters so gut drauf oder sie ist immer gut drauf als Charakter.

Ich dachte, wie oft in der letzten Zeit, darüber nach, wie das Leben eigentlich ein Wunder ist. Die Frau könnte sich in ihrer Situation miserabel fühlen, stattdessen strahlt sie Fremde an.

Ich bin an einem Punkt im Leben gekommen, in dem ich sowas merke und bewundere.

Ich bewundere die Kraft der Menschen, die jeden Tag das Bett verlassen, um die Welt zu einem schöneren Ort zu machen. Jemandem ein gutes Wort oder ein Lächeln schenken: Es kann so einfach sein.

Egal was wir durchmachen, das Leben ist ein Wunder und wir alle sind wundervoll. Das dürfen wir nicht vergessen.

Blühe wie die Blumen im Frühjahr.